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GRATE

RITTERVERLAG (A) 2019

Klagenfurt, Graz

In „GRATE“ verdichtet die als „.aufzeichnensysteme“ auftretendeAutorin scharfkantig geschnittenen Satzbruch aus eigenenProsatexten und Notizbüchern zu minimalistischen zweizeiligenGefügen. Das in vier Formationen (betitelt als „Dampf“, „Starre“,„Licht“ und „Ton“) ausgebreitete Material verbindet sich zufragilen Mini- Syntagmen nur weniger Wörter, die ursprünglichenKontexte sind fast ganz verwischt. Im schroffen Wechsel derBegriffe, Bilder und Vorstellungen choreographiert der Textmultiple, sich überlagernde Geschichten. Bloße Ahnungen stattGewissheit, permanentes Neuanheben statt Kontinuität versetzenden Leser in einen Zustand intensiver Zuwendung. Solch„dramatische“ Sprunghaftigkeit forciert eine „mehrgleisige“Rezeptionsweise, welche die Verarbeitung flirrend wechselnderBedeutungen mit der Betrachtung von Komposition und Tektonikzusammenführt, Text als forminhaltliche Konstruktion begreift. Indem nach arithmetischen Prinzipien organisierten Buch gewinntdas kalkulierte Spiel mit Gleichlaufschwankungen semantischeRelevanz. Kontinuierlich eingespeiste Einzeiler durchbrechen dieRoutine der Disticha, „Störung“ und „Einspruch“ werden alssystemimmanente Setzung konkret.

Mit „GRATE“ spitzt „.aufzeichnensysteme“ das in ihrem Buch „IMGRÜNEN“ entwickelte Modell der Decollage weiter zu, nichtzuletzt als überzeugende Großmetapher für ebenso brisante wiediskrete Prozesse, die unsere sozialen und ökonomischen Umgebungen prägen.
Paul Pechmann, Ritter Verlag, 2017

Nichts ist willkürlich an diesen Wortkompositionen, auch wennnicht unbedingt immer ein sofort nachvollziehbarer inhaltlicherZusammenhang aufscheint, wenn offensichtlich gar mitunter innereSprünge vorhanden sind.(…) Der ganze Text eignet sich als eine ArtLibretto für jenes von der Konzeptkünstlerin angestrebtetransmediale Moment, könnte zumindest in der Theorie grafisch,filmisch, performativ oder gar plastisch umgesetzt und aufdigitalem Weg verbreitet werden. Deshalb das Buch. Mit irgendwasmüssen die .aufzeichnensysteme ja schließlich anfangen.

(Marcus Neuert, Buchmagazin/Literaturhaus Wien)

LESEPROBE (unpaginiert):

nichts sehen
nichts tun

einfach nichts
weiterhin vorsichtig

dunkelheit
darf nicht schlafen

————

knapp ansetzen über
einem schlafenden auge

zerfetzte randschicht
entschwindet

gleichförmig geweitet
verdichtet bedrohlichkeit

vom linken flügel
über die gänge

werden grate
aufgeworfen

informationen
eiskasten

erstarrte menge
ungehindert

nachträglich

packt plötzlich zu
lacht breit

reden
wäre schön

vorsorglich schon
nach sekunden


Das Fragezeichen im Zitat ist übrigens das einzige Satzzeichenüberhaupt im ganzen Buch. Natürlich kann man auch normalumblättern und semantisch an den folgenden 3×2-Zeilen-Textanschließen:

„es geht also weiter // akkurat und / nichtssagend // einfach / wie
gefordert // tagelang // vor dem spiegel“

Das „es geht also weiter“ kann auch als inhaltlicher Aufhänger fürdie Fortsetzung des 2017 mit „IM GRÜNEN“ begonnenen .aufzeichensysteme-Projektes gelesen werden. DerText ist in vielerlei Hinsicht wahrnehmbar: formal, assoziativ,visuell und nicht zuletzt, es handelt sich ja um das gute alteTrägermedium Buch, sogar haptisch: die „GRATE“ lassen sichdank Tiefprägetechnik des Umschlages auch erfühlen.

Nichts ist willkürlich an diesen Wortkompositionen, auch wennnicht unbedingt immer ein sofort nachvollziehbarer inhaltlicherZusammenhang aufscheint, wenn offensichtlich gar mitunterinnere Sprünge vorhanden sind. Laut und Rhythmus haben ihrenwohlgesetzten Platz:

„[…] förmlich kilometerweit / in allen geschöpfen // nach festem /
ordnungsprinzip // hinter einem bademantel […]“

(Marcus Neuert, Buchmagazin/Literaturhaus Wien)


RITTERVERLAG Herbst 2019
Klagenfurt, Graz

€ 13.90 (152 S.) brosch.
ISBN: 978-3-85415-594-2
www.ritterbooks.com

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